1. Back to the start
Ja die Hardware von damals war nicht mehr tauglich. Also aus alten Teilen einen neuen PC gebastelt: AMD Athlon XP2000 mit 1GB RAM und 80GB Festplatte. Weiters eine passiv gekühlte Grafikkarte: ATI Radeon 9200. Das Gehäuse ist ein Wald- und Wiesenteil aus 1998. Prozessorlüfter ist ein Flüsterlüfter, trotzdem machen Netzteil und Festplatte zusammen viel zuviel Lärm. Erste Erkenntnis: Auf Dauer nervtötend.
Als Empfänger ein Pinnacle USB DVB-T Stick, und als Referenz eine alte Hauppauge TV-Karte mit Analogtuner.
Sodann eine Google-Recherche zum Thema PVR für Linux. Es gibt mittlerweile MythTV, in Kombination mit der Linux-Distri Ubuntu zu Mythbuntu vereint. Klingt plausibel, also schnell auf CD brennen und ab zur Installation.
2. Installation und Konfiguration
Zusammenfassend eigentlich eine super einfache Sache. Es hat soweit alles gut funktioniert. Bis auf die "üblichen" Kleinigkeiten:
- MythTv zickt rum wenn es um Vollbilddarsellung geht, offenbar ein Problem mit GtK in Ubuntu 9.04. Nach einer Stunde Recherche endlich einen Fix gefunden, der die Fonts nicht alle transparent macht.
- Treiber für den DVB-Stick ist wiedermal nicht im Kernel enthalten. Ein Sondertreiber muß her, allerdings wird der derzeit nicht mehr gewartet. Der urpsrüngliche Entwickler hat seine Seite komplett dichtgemacht, und auch den Sourcecode entfernt. Ergo gibt es ihn nur für eine alte Kernelversion binär. Das ist deswegen dumm, da nun neue Updates von Ubuntu geblockt werden müssen, sofern sie das Kernelpaket betreffen.
- Die Zeitsynchronisation ist unmöglich. Scheint an der Kernel 2.6.28-xx-Version zu liegen in Kombination mit dem Mainboard. Jedenfalls läuft die Uhr erschreckend schnell vor. NTP als Korrektur schafft es nicht, den Fehler auszugleichen. Auch nervtötende Recherche notwendig, der Kernelparameter notsc schafft dann endlich Abhilfe.
- Der Ausgang der Grafikkarte liefert nur ein SVideo-Signal, und ich habe keinen Adapter bei der Hand. An dem Problem hatte ich am längsten zu kämpfen. Dummerweise hatte ich den originalen Adapter offenbar irgendwo verräumt. Durch Löhnen von ca. €20,- beim Saturn konnte ich dieses Problem auch beheben, dort gibt es Adapterkabel von Svideo auf SCART mit integriertem Audiokabel auch gleich.
Ansonsten lief der Sendersuchlauf etwas mühsam. MythTV kommt nur mit DVB-Frequenzen aus Deutschland. Mit einigem Basteln findet er aber dann doch die richtigen Kanäle.
3. In der Praxis
Es ist schon sehr angenehm: EPG (electronic program guide) aufrufen, schmökern, Beschreibung lesen (zum Teil echt ausführlich), anklicken und fertig. Überschneidungen werden erkannt und können mit Prioritäten aufgelöst werden. MythTV versucht dann, eine andere Ausstrahlung derselben Sendung entweder am selben oder auf einem anderen Sender zu finden.
Zum Thema EPG: In unseren Breiten leider nur der EPG verfügbar, der mit DVB ausgestrahlt wird, für ca 5 Tage im Voraus. Das führt dazu, daß zB Puls4 keine Infos hat., weil kein EPG. Sind offenbar zu faul, was reinzuschreiben. Im Internet existieren Fernsehprogramme auch als XML-Feeds, die man abgreifen könnte. Aber leider natürlich nicht für Mitteleuropa.
Wenn man während der Live-Wiedergabe mal kurz unterbrechen möchte, einfach die Pause-Taste drücken, die Sendung wird weiter aufgenommen. Das ist ein key feature von PVRs: time shift. Sehen was und wann man möchte, sogar wenns grad live ist. Nicht mehr umständlich den Videorekorder programmieren, und dann in der Hektik auch noch was überspielen weil falsche Kassette.
Überhaupt ist digitale Aufzeichnung was feines. DVB strahlt als MPEG2-Stream über den Äther, und der wird auch so unkomprimiert abgelegt. 10GByte reichen für ca. 5 Stunden Unterhaltung. Wers gern länger hat, kann umfangreiche (verlustbehaftete) Kompression einstellen, und das geht auch über s.g. Aufnahmegruppen, die sich wie Voreinstellungen verhalten, und daher bei jeder Aufnahme einfach selektiert werden können.
Automatisch werden die alten Sendungen gelöscht, wenn notwendig. Mittels "Nicht löschen" kann man sich eine Aufzeichnung aber auch aufheben.
4. Und Rückschritte
DVB ist bei weitem nicht das Allheilmittel, welches es vielleicht vordergründig sein könnte. Die Aufteilung des Standards in DVB-T, DVB-S und DVB-C macht es schwierig, eine Hardware zu finden, die mit allen drei Standardvarianten umgehen kann. Wer also gerne Kabel und terrestrisch empfangen möchte, schaut schon mal schlecht aus, und DVB-S + DVB-T auf einer Karte findet man überhaupt gar nicht?
Abhilfe wäre natürlich, mehrere verschiedene Karten oder externe USB-Geräte anzuhängen. MythTV unterstützt dies, kann also von mehreren Tunern gleichzeitig aufnehmen. Dabei sollte man allerdings die CPU-Belastung berücksichtigen: gleichzeitig aufnehmen von zwei Quellen und dann vielleicht noch einen aufgenommenen Film schauen zieht viel Rechenleistung ab. Wäre nicht so schlimm, wenn das Gerät nicht klein und leise sein sollte, sprich am besten mit einer lüfterlosen Atom N270-CPU das Auslangen findet.
Wer im Keller Platz für einen Medienserver hat, hat damit kein Problem. Im Wohnzimmer jedoch ist es eine Frage der Ästhetik und der Mitbewohner-Toleranz, ob sich ein wirklich kompetenter PVR bauen läßt.
Bleiben wir aber beim zentralen Thema DVB: Erstens ist bereits ein Nacholgestandard angekündigt: Da hat analoges Fernsehen circa 60 jahre fast unverändert durchgehalten, und DVB-T geht schon nach knapp zehn Jahren die Luft aus, und muß durch einen neuen Standard ersetzt werden? Ja, sofern man unbedingt HD-Formate ausstrahlen möchte. Die fallen leider derzeit durch den drahtlosen Sender-Rost. DVB-T-2 wird dem Abhilfe schaffen. Sofern sich die Sende-Anstalten auf eine Umrüstung festlegen können.
Damit sind wir auch schon bei einem marketingtechnischen Problem: DVB-C erlaubt das nahezu verlustfreie Aufnehmen von digitalen Filmen. Verwendet man Applikationen wie MythTV, wird sogar die Werbung rausmakriert - dazu später. Anbieter wie chello haben da etwas dagegen, und rüsten derzeit alle Kunden, die ihre Sendungen aufnehmen wollen, mit proprietären Set-Top-Boxen aus, welche eine Festplate eingebaut haben. Na toll. Dafür muß man auch noch extra im Monat zahlen. Andre Länder, andre Sitten: In Salzburg und offenbar auch in Niederösterreich ist der digitale Empfang in DVB-C kein Problem. Aber es bleibt der Nachgeschmack, daß es sich hier um gewollte Verhinderung handelt, um nur ja keine bequeme verlustfreie Kopiererei der Filme zu ermöglichen.
Was auch sehr stört: DVB kommt ohne VPS. Also zumindest ohne ein ähnliches Feature. Das bedeutet, die Uhrzeit des Media-PCs muß auf jeden Fall mit einer Zeitquelle synchronisiert werden. Internet-Anschluß also sehr zu empfehlen. Weiters bietet MythTV an, automatisch Zugabe ans Ende einer Aufnahme dranzuhängen. Es bewahrt einen trotzdem nicht vor schlampigen Sendern, die ihre Sendungen unpünkltich starten oder enden lassen. Willkommen in 1980.
5. Die Außenwelt
mythTV hat einen eingebauten Webserver. Über diesen lassen sich Sendungen auch mal von der Arbeit aus aufnehmen. Vergessen den Hauptabendfilm zu programmieren und man kommt vorher nicht nach Hause? Kein Problem, das Webinterface checkt das. Sofern man seine Firewall konfiguriert, eine halbwegs statische IP hat und das Webinterface nicht gerade einen Bug aufreißt.
Sofern genügend Upload-Bandbreite vorhanden, geht sogar Streamen von Aufnahmen übers Web. Die Default-Konfiguration ist aber irgendwie verstellt, so daß es hier zu keinem Abspielergebnis kam. Linux-Geduld ist hier gefragt.
6. Noch Features gefällig?
Was fällt mir noch ein:
Die Werbe-Erkennung. Funktioniert auf statistischer Basis, zum Beispiel an der Anzahl von Schwarzbildern in kurzer Zeit. Meint also, wenn viele kurze harte Schnitte aufeinanderfolgen, handelt es sich wahrscheinlich um eine Werbepause. MythTV wird konfiguriert, welche Sender Werbung senden. Nach jeder Aufnahme wird eine Analyse des Films gestartet, und die Werbung markiert. Während des Abspielens kann man sich entscheiden, Werbung grundsätzlich zu überspringen, oder die nächste Werbepause ankündigen zu lassen.
DVDs können ebenso abgespielt werden wie Audio-CDs. Zusätzlich können beide Formate auf die Festplatte überspielt werden. Rippen von kopiergeschütztem Material zum Eigenbedarf. Nicht lachen, es ist schon viel angenehmer, wenn man aus einer Liste einfach den richtigen Film rauspickt, als immer die DVD-Sammlung rotieren zu lassen. Gleiches gilt für Audio-CDs, für die aus der IMDB gleich Titel, Interpret und die Songtitel eingelesen werden.
Infrarot-Fernbedienungen sind realisierbar, einfach eine ausrangierte Fernbedienung verwenden. Serverseitig wid dazu ein IR-Empfänger angeschlossen. Den zu finden, kann aber problematisch werden, hier ist längst nicht alles Linux-kompatibel.
Lesezeichen: Ein Film wird zu lang, man möchte schlafen gehen aber das nächste Mal nicht vorspulen? Kein Problem, einfach die Leertaste drücken, und schon wird ein Lesezeichen gesetzt. Beim nächsten Mal abspielen gehts dann von der gemerkten Position weiter.
Tonspuren: MythTV kann mehrsprachige Tonspuren auswerten und während der Wiedergabe umschalten. Aufgefallen bei einem Film auf 3sat, wo plötzlich der Kommentar für Sehbehinderte auf dem Kanal "Deutsch" war, und ich irritiert einfach mal im Menü stöberte - auf "Englisch" gings dann in Deutsch weiter 
7. Fazit
Mythbuntu ist ein Bastelprojekt, was aber tatsächlich ein Ende in Sicht hat. Sofern man einen TV mit digitalen Eingängen besitzt, ist diese Verbindung unbedingt zu empfehlen. Ein DVI-Ausgang kann dabei über Adapter and HDMI angeschlossen werden. Da dabei kein Ton mitkommt, schließt man entweder externe Boxen an, oder probiert, den Fernseher zu Ton über analoge Line-Eingänge zu überreden.
Eine Grafikkarte mit HDMI-Ausgang kann mittels einer internen digitalen Audio-Verbindung dieses Signal in den HDMI-Datenstrom einbauen. Sofern das Mainboard oder die Soundkarte solch einen Anschluß besitzt.
Mir bleibt derweil nur, den alten Röhrenfernseher über den popeligen Composite-Eingang zu bespielen. Immerhin, die Qualität ist deutlich beser als VHS-Video. ist doch schon was...
Soweit Teil Zwei. Es folgt noch ein Dauertest-Abschlußbericht. Wer Lust aufs Basteln bekommen hat, kann mich ja vielleicht überreden, wertvolle Hinweise zu geben. Vom Ertrag kauf ich mir dann einen neuen Fernseher 
F.