Wie kann denn das sein? Wie kann es da jemand wagen, gegen die Förderung der Wirtschaft zu schreiben, gegen die Beteiligung am größten Forschungsprojekt der Menschheit? Man kann es wagen, und ich finde, meine Gründe sind gar nicht mal so schlecht. Lest also meine konspirative Argumentation, warum ich glaube, daß wir ruhig aus CERN aussteigen können. Nicht unbedingt wegen des Geldes, sondern auch wegen der Symbolik.
Einleitung
Da gibt es also einen Teilchenbeschleuniger. Seit 1955, wo der Bau begann, wurden dort insgesamt um ein Dutzend verschiedene Einrichtungen zur Untersuchung von physikalischen Phänomenen errichtet. der LHC (large hadron collider) ist das Größte von ihnen, seit letztem Jahr fertiggestellt und seitdem ein Punkt öffentlichkeitswirksamer Diskussionen um Sinn, Unsinn und Gefahren.
Die Geschichte von CERN ist eine Geschichte der internationalen Vernetzung. Da stimme ich mit vielen überein, die meinen, daß Wissenschaft heutzutage nur mehr gut auf internationaler Ebene funktionieren kann. Aber Vernetzung sollte mehr oder weniger von sich selbst entstehen, und nicht politisch verordnet werden.
Kritikpunkt 1 - Adabei
Keiner hat was davon, wenn wir nur deswegen dabei sind, weil es sonst eine schiefe Optik macht. Wissenschaft ist nicht Selbstzweck, und es geht nicht um das Erforschen der größten Anerkennung. Mit dem gleichen Argument könnte man den NATO-Beitritt fordern, die Teilnahme an den schottischen Nationalspielen, Expeditionen in die Tiefsee etc. Im übrigen bin ich der Meinung, wir sollten dringend wieder die Euro bei uns austragen. Da nicht dabeizusein, schadet unserem Ansehen 
Kurzum, der österreichische Adabei meldet sich zu Wort: Wir müssen dort einfach hin. Daß ein kleines Land vielleicht auch mal zugeben muß, sich auf die Seitenlinie zu stellen, zu pausieren, und den anderen zu signalisieren, macht mal ohne uns weiter, das kann es natürlich nicht geben.
Vielleicht ist es aber gar nicht die österreichische Seele, die uns wehtut, wenn wir wo nicht dabei sind. Vielleicht ist es einfach die Angst einiger um ihre Existenz. Ich bin allerdings dagegen, geschützte Werkstätten zu errichten. Wenn wir schon demokratisch sind, dann laßt uns doch alle entscheiden, was mit dem Geld passiert. Wenn wir heute entscheiden müssen, entweder CERN zu sponsern, oder andere Projekte, dann laßt es uns ausdiskutieren.
Kritikpunkt 2 - Wissen "schafft"
Also gut, gehen wir davon aus, wir zahlen weiter bei CERN ein. Was ist unsre Erwartungshaltung? Was ist die Aussicht, von diesen Ergebnissen zu profitieren? Ich behaupte mal, die Entdeckung des Higgs-Boson ist ein guter Grund, viel Geld auszugeben. Ungleich mehr Geld müßten wir danach ausgeben, um irgendeinen Nutzen daraus zu ziehen. Das ist Grundlagenforschung, nichts womit man gleich in eine Praxis-Lösung gehen kann. Also was schaffen wir uns für einen Nutzen aus den direkten Ergebnissen der großen Projekte dort? Diese Frage sollte man sich mal stellen.
Und dann sehen wir uns unsre Welt heute an: wir brauchen dringend praktische Lösungen für anstehende Probleme. Energie, Verkehr, Kommunikation, Essen - lauter Themen, in denen selbst eine bahnbrechende Entdeckung in CERN für zehn bis zwanzig Jahre noch keinen Niederschlag finden würde, da es einfach zu lange dauert, um praxistauglich zu werden.
Vergleichen wir es mit der Medikamentenentwicklung: Die Entwicklungszyklen werden immer länger, immer mehr Zeit und Aufwand benötigt es, um eine theoretische Idee auf den Markt zu bekommen. Und oft hat sie dann grausliche Nebenwirkungen.
Kritikpunkt 3 - Dinosaurs and Mice
Ist es dann nicht ungleich wichtiger, viele kleine Projekte zu fördern als eines, wo "eh viele" einzahlen? CERN wird nicht eingestellt, wenn wir mal eben so aussteigen (und vielleicht ja wieder einsteigen), aber die kleine fast sterbende nationale Forschung schon. Viele gute, praktische Ideen warten darauf, erprobt oder erforscht zu werden. Wir sollten uns als kleine Maus ruhig mal auch in dem Rahmen bewegen, den wir auch überschauen und steuern können.
Kritikpunkt 4 - Wollen wir es wissen?
Ganz anders noch die Frage, ob wir überhaupt so genau hinsehen wollen. Ist es philosophisch, wissenschaftlich wertvoll, Teilchen kleiner als das Atom zu finden und vielleicht nutzbar zu machen?
Die Nanotechnologie ist noch nicht mal restlos geklärt. Die Kohlenstoffröhrchen, aus denen nano-technologische Werkstoffe bestehen, sollen unter Umständen ziemliche Gesundheitsriskien beherbergen. Wer kann hier umgehen, die Verantwortung übernehmen, wenn wir uns nicht entscheiden können, weil sie schon im Essen drin sind? Wäre es nicht sinnvoll, hier mehr Geld und Aufwand zu investieren, um uns vor bösen Überraschungen zu schützen?
Fazit
Ich bin durchaus der Meinung, man kann mit dem Geld, was wir derzeit pauschal nach CERN überweisen, was sinnvolleres anstellen. Eben weil wir sinnvolleres brauchen. Teilchenphysik war spannend bis runter zum Elektron. Aber was danach kam, hat sich sehr sehr wenig in den Alltag eingeschlichen, sondern ist mehr in tausenden Seiten Therie hängengeblieben. Die uns im Alltag leider recht wenig nützt.
Das größte Forschungsprojekt der Menschheit hat leider auch den geringsten Nutzen für den Einzelnen. Da wir alle nicht über unsre (Rest-)Lebensspanne hinaus denken, kann ich die Gegner und Kritiker verstehen - sie (und auch ich mittlerweile) sind einfach mit der Komplexität überfordert. Und fordern selbst realere Ergebnisse als den Sand zwischen den Neutronen zu finden.
F.